Bleib bei Dir!

Meine Tochter schickte mir heute eine SMS. Sie meinte ihr würde es schlecht gehen aufgrund der Hitze und sie hätte ein unüberwindbares zwischenmenschliches Problem in der Schule. Sie wäre diesbezüglich ziemlich aufgebracht und wisse nicht, wie sie das Problem lösen könne. Ich gab ihr den Rat bei sich zu bleiben und sich keine Geschichten um andere zu machen, was sie über sie denken oder fühlen könnten. Sie schrieb zurück, es ginge ihr so elend, sie schaffe es nicht bei sich zu bleiben und sie wäre so verzweifelt.

Es war ein richtiger Hilferuf meiner Tochter. Bei einem Klienten wäre dies für mich kein Problem gewesen. Schließlich ist es mein Job, Leute zu coachen, sie aus ihren Problemen und Dramen zu holen.

Aber bei der eigenen Tochter ist es doch etwas anderes. Unterschwellig sind hier Verbindungen am Werk, die sich kaum kontrollieren lassen. Ich riet ihr nochmals bei sich zu bleiben und sich selbst so sein zu lassen, wie sie jetzt ist.

Ich erkannte sofort, dass ich als Mutter eingestiegen war. Ich war plötzlich in ihrem Problem und wollte sie unbedingt da herausholen. Damit hatte ich mich verstrickt. Das tat ihr nicht gut, weil sie dann ihre eigene Lösung nicht finden kann und ständig nach meiner Lösung fragt. Mir tut dies natürlich auch nicht gut, weil ich mir Sorgen mache. Mit meinen Sorgen würde ich sie nur in ein dunkles Wölkchen einhüllen, wodurch es ihr noch schwerer fallen muss, ihre Lösung zu finden. Es galt diese Spirale zu durchbrechen.

Ich stellte meine Füße auf den Boden und „erdete“ mich. Ich nahm einen tiefen Atemzug und traf die Entscheidung bei mir zu bleiben. Sie findet ihre eigene Lösung. Ich lasse sie los und ihr Problem ist ab sofort nicht mehr mein Problem. Ich schaltete den Ton meines Handys aus und kochte mir Kaffee. Es fiel mir nicht so leicht, wie es jetzt vielleicht klingt. Aber es klappte. Eine dreiviertel Stunde später sah ich wieder auf mein Handy und musste erstaunt feststellen, dass es keine weitere Nachrichten gab.

Später erzählte mir meine Tochter, dass meine letzte Nachricht bei sich zu bleiben und sich so anzunehmen, wie sie ist, bei ihr groß aufgeploppt war. Anschließend hing der Bildschirm ihres Handys für etliche Minuten und sie wusste, dass keine weitere Nachricht mehr nötig war. Ihr zwischenmenschliches Problem löste sich dann von alleine auf, nachdem sie bei sich selbst angekommen war.

Was heißt das eigentlich bei sich selbst bleiben? Oft sind wir verunsichert wenn es um unsere Mitmenschen geht. Wir steigern uns dann in die zwischenmenschlichen Probleme und das Ganze nimmt oft riesige Dimensionen an. Wir denken und wälzen das Problem in unserem Kopf hin und her. Wir machen uns Gedanken, was der andere über uns denken oder wie er fühlen könnte. Wir versuchen unser Gegenüber geradezu zu analysieren, wie er gestrickt ist, was er selber für Probleme hat. Das Problem größer zu machen als es ist, erkennen wir daran wie oft und wie lange wir es in unserem Kopf „bearbeiten“ und durch nachdenken über den anderen zu einer Lösung  kommen zu wollen.

Sicher wird man durch Nachdenken irgendwann zu einer Lösung kommen, aber der eigene Handlungsspielraum ist dann oft sehr gering und die Lösung keine richtige Lösung, sondern ein Kopromiss, mit dem niemand so recht zufrieden ist.

Wir können die Gedanken und Gefühle eines anderen nicht beeinflussen. Über das vorliegende Problem wird jeder andere Gedanken und Gefühle haben. Jeder hier auf diesem Planeten denkt und fühlt anders, als der andere. Jeder von uns hat andere erlernte Verhalten- und Denkmuster. Die Denk- und Verhaltensmuster eines Gegenübers zu analysieren und durchbrechen zu wollen macht daher keinen Sinn, weil wir sie schlichtweg nicht oder nicht alle kennen. Was hier wodurch wirkt und warum, ist seine eigene Sache.

Wir haben genug zu tun, wenn wir uns um die eigenen Denk- und Verhaltensmuster kümmern. Das ist auch unsere einzige Aufgabe. Eine Freundin, die selbst therapeutisch arbeitet, sagte einmal: Wenn jeder sich gut um sich selbst kümmern würde, gäbe es auf der Welt fast keine Probleme. Da ist etwas Wahres dran.

Die Frage, was denkt der andere über mich, wird mir niemals beantwortet werden können, weil sich die meisten Menschen auf der Welt ihrer eigenen Denkmuster nicht bewusst sind. D. h. selbst unser Gegenüber wird uns diese Frage nicht hinreichend beantworten können.

Bei sich bleiben heißt, erst mal einen tiefen Atemzug machen und bei sich ankommen. Das vorliegende Problem loslassen und sich selbst erst mal so sein zu lassen, wie man in diesem Augenblick ist. Damit hat man mehr als genug zu tun. Anschließend kann man sich noch einmal hinsetzen und sich Zeit nehmen mit dem Herzen hinzufühlen. Die Lösungen kommen dann meist von ganz alleine. Ich stelle mich dann immer auf eine WIN-WIN-Situation ein, d. h. es gibt eine Lösung, die für beide lohnend ist. Wenn es nichts zu tun gibt im Moment, gehe ich zur Tagesordnung über. Wichtig ist, nicht wieder in eine Denkspirale zu verfallen, denn wir alle denken zu viel und fühlen zu wenig.

So haben sich schon die verzwicktesten Probleme fast von alleine gelöst.

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