Vom „NICHT-NEIN-SAGEN-KÖNNEN“

Ein guter Bekannter bat mich um einen Gefallen, nämlich einen Termin wahrzunehmen.. Obwohl ich wusste, dass mir ein „Ja“ in diesem Falle selber nicht gut tat, obwohl ich wusste, dass ich mich durch mein „Ja“ selbst unter Druck setzen würde, unter Erfüllungsdruck und obwohl ich gar nicht wollte, sagte ich „Ja“!

In dem Moment, wo mir mein „Ja“ über die Lippen kam, sagte meine innere Stimme, wieso sagst Du ja, Du weißt doch, dass Du gegen Dich selbst handelst. Aber das Ja war bereits im Raum verklungen und ich traute mich nicht es zurückzunehmen. Ich traute mich nicht zu sagen: „Weißt Du, im Grunde genommen interessiert mich Dein Vorschlag gar nicht, es ist nicht stimmig diesen Termin wahrzunehmen, ich will es gar nicht, es ist einfach nicht Meins“. So irgendetwas in der Art wäre nötig gewesen. Aber ich konnte gerade nicht. Zu groß war meine Angst ihn zu enttäuschen. Also hatte ich ja gesagt. Mir war sofort klar, dass ich mit diesem Ja gleichzeitig ein Nein zu mir selbst sprach, aber das wischte ich ganz schnell beiseite.

Der Termin rückte näher und ich erkannte, dass es überhaupt nicht dran war den Termin wahrzunehmen. Ich würde mich verzetteln und nicht zu mir stehen. Es war ein Telefonat nötig, das wusste ich. Eine Zeit lang konnte ich es noch beiseite schieben, aber irgendwann ging es nicht mehr. Ich rief an. Mailbox. Erleichterung.

Wieso eiere ich hier so rum, dachte ich mir. Mein Gott, ist es denn so schwierig „NEIN“ zu sagen? Ist es denn so schwierig DIE WAHRHEIT zu sagen, nämlich meine WAHRHEIT?

Ja ist es! Ich war es so nicht gewohnt. Ich dachte immer, ich würde jemanden enttäuschen, abweisen, zurückweisen, sodass sich derjenige von mir abgelehnt und verlassen fühlt. Das war aber nur die Oberfläche, denn diejenige, die ich zurückwies und verließ, war ich selbst. Ich konnte mir dann einreden, dass mich der Termin interessiert, dass es mir trotzdem guttun würde rauszukommen. Ich konnte tausend Gründe dafür finden, hinzugehen und mich zu amüsieren. Ich konnte mir selbst, was vormachen, sodass ich gar nicht mehr fühlen konnte, was für mich richtig ist und was nicht. Das etwas nicht stimmig ist, hätte ich nur daran erkennen können, dass ich mich müde und abgespannt fühle nach dem Termin oder dem Tag danach.

Die Dunkelziffer dessen, wie oft ich schon so gehandelt hatte und mich selbst dabei überging, erschien mir plötzlich ziemlich hoch.

Es ist schon krass, dachte ich mir. Da verlasse ich mich selbst um nach außen hin gut da zu stehen. All das wusste ich bereits zu dem Zeitpunkt, als ich „Ja“ sagte. Und trotzdem habe ich es getan. Trotzdem rutschte ich in mein altes Muster. Der Moment des Reagierens, diese Millisekunde, hatte nicht ausgereicht um mir meiner bewusst zu werden. Mein altes Muster war schneller. Das Ja war einfach so über meine Lippen gerollt. Selbstverurteilung deswegen half mir jetzt kein bisschen weiter, das wusste ich bereits.

Das alte Muster saß so tief, mit dem Verstand allein, also durch Nachdenken, konnte ich es nicht erreichen. Das war sofort klar.

Eine bekannte Vortragsrednerin hatte einmal gesagt, sie nehme nur noch diese Termine an, die sie wirklich machen möchte. Alles Andere wäre Zeitverschwendung.  Es sind natürlich  viel weniger Termine als früher, dafür sind sie so erfüllend und tiefgreifend, dass es mit Worten nicht beschreibbar wäre.

Ich wünschte, ich könnte das von mir auch sagen, aber ich wähnte mich noch weit weg davon.

Ich begab mich also wieder in Meditation und fragte in der Stille meines Seins nach dem Muster, das mich immer wieder so handeln ließ.

Ich wurde energetisch kleiner und kleiner, bis ich ein Kind mit ungefähr 3 Jahren war. Ich erkannte, dass dieses Muster in dieser Zeit entstanden ist. Ich hörte meine Mutter sagen, wenn Du nicht mitgehst, geht Mama alleine. Und dann verschwand sie. Wir spielten zu der Zeit dieses Spiel öfter. Ich wollte nicht mit und meine Mutter tat so, als ginge sie. Aber ich wusste auch, dass sie nur um die Ecke herum auf mich wartete.

Doch diesmal war es anders. Ich konnte sie nirgends mehr entdecken. Ich war alleine, ich bekam furchtbare Angst, fühlte mich verlassen. Ich konnte mir selbst ins Gesicht sehen, Panik breitete sich dort aus. So als würde ich sterben. Ich fühlte mich für immer verlassen.

Ich ging tiefer in dieses Gefühl und erkannte plötzlich um meine Füße herum so etwas wie eine schwarze Masse. Sie hatte etwas Bedrohliches und zugleich etwas sehr Bekanntes an sich. Ich erkannte, dass ich schon viele Leben mit dieser „Masse“ um meine Füße herum gelebt hatte. Es war etwas, was viele Leben zurück lag.

Ich musste nicht wissen, in welchem Leben mich diese Masse das 1. Mal erreichte. Das war überhaupt nicht wichtig. Ich wusste es hatte etwas Grundsätzliches, Episches an sich. Es war die Illusion von Getrenntsein, von verlassen worden sein. Es ist Teil unseres Kollektives.

Ich erkannte, zu der Zeit, als wir noch in Sippen zusammenlebten und den äußerlichen Gegebenheiten, wie Witterung, Eiszeit, tägliche Nahrungssuche ausgesetzt waren, war es unmöglich eine an den Einzelnen gestellte Forderung abzulehnen. Jeder musste seinen Teil beitragen, damit alle überlebten. Wenn sich einer permanent nicht an diese Regeln hielt, wurde er ausgeschlossen, was einem Todesurteil gleich kam. Natürlich tat man alles um nicht ausgeschlossen zu werden. Dieses tiefsitzende Verhaltensmuster ist so schwer auszumachen und zu durchbrechen. Es löst immer wieder panikartige Existenzängste und Todesängste aus.

In dem Moment, als ich an dieses Verhaltensmuster kam, machte es mir irgendwie Platz. Es machte Platze für Neues. Es machte Platz für mein ICH BIN. Ich bin genau so richtig, wie ich jetzt bin. Es spielt keine Rolle, ob ich ja oder nein sage. ICH BIN ist Authensität in seiner reinsten Form.

In dem Moment erkannte ich, wenn ich authentisch bin, fügt sich alles wunderbar zusammen, sowohl mein NEIN als auch mein Ja. Dieses Muster ließ ich da zurück. Ich sah noch wie es sich dort ein bisschen ausbreitete.

In dem Moment holte mich mein klingelndes Handy aus meiner Meditation. Am anderen Ende war mein Bekannter, der meine Nachricht auf seiner Mailbox gefunden hatte.

Ich erklärte ihm, dass ich den Termin nicht wahrnehmen könne, weil ich bei mir bleiben werde und meinen Weg gehen würde. In dem Moment war ich so authentisch, dass mein Bekannter nach einer kurzen Atempause erklärte, das hört sich sehr stimmig an. Er wäre mir überhaupt nicht böse, ganz im Gegenteil, das wäre ein Ansporn für ihn auch mehr bei sich zu bleiben. Wir vereinbarten, dass jeder erst mal seinen Weg geht und wir uns später, wenn es stimmig ist, mal wieder austauschen werden.

Mein Herz hüpfte vor Freude und Dankbarkeit. Mir war klar, dass dieses Pflänzchen, das ich in der Meditation gepflanzt hatte der Aufmerksamkeit und Achtsamkeit bedarf. Ich versprach mir, mir in Zukunft diese Millisekunde, die mein Bewusstsein noch braucht, bis es einschreitet, zu geben und nicht gleich antworten zu müssen.

Es hat sich alles stimmig gefügt und das fühlte sich wunderbar an.

 

 

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