Vom Anderssein

Es gibt den schönen Spruch: „Wenn Du dem Anderen sein Anderssein nicht verzeihen kannst, dann hast Du noch viel zu lernen“

Es ist einer jener Sprüche, die uns zu Hauf auf diversen sozialen Netzwerken begegnen. Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, wenn ich hie und da mit schlauen Sprüchen konfrontiert werde. Allerdings ist es doch so, wenn wir die Sprüche nicht auf uns Wirken lassen, nicht in uns hineinfallen lassen, verblassen sie doch genau so schnell, wie wir sie gelesen haben. Manchmal frage ich mich, ob so mancher Schreiber oder Poster sich wirklich damit beschäftigt.

Mich hat der obige Satz sehr nachdenklich gemacht. Ist es nicht so, dass wir uns alle in Toleranz üben? Wir leben ja schließlich in einer Multi-Kulti-Gesellschaft. Täglich werden wir mit Neuem konfrontiert, oder soll ich sagen auch manchmal damit überfordert.

Ja, ich gebe es zu, manchmal überfordern mich die Lebensweisen und Meinungen Anderer, wenn sie so gar nicht zu meinen Überzeugungen und Werten zu passen scheinen. Dann bin ich schnell am Urteilen und Bewerten. Ich diskutiere dann, will recht haben, will Andere von meinen Werten überzeugen. Ich habe meine Werte und Überzeugungen ja lange genug überprüft und verglichen, also habe ich recht.

Gleichzeitig hat der Andere ja dann Unrecht, oder? Ist es nicht so? Unterstelle ich dem Anderen, dass er seine Werte und Überzeugungen nicht überprüft hat? Dass er am Ende gar oberflächlich das nachplappert, was wiederum Andere sagen?

Ja, ich habe Recht, es ist meine Wahrheit und damit Punkt!

Aber mein Gegenüber hat auch Recht, denn es ist seine Wahrheit, seine Überzeugung und damit auch Punkt!

Natürlich schreibe ich hier nicht von Dingen, die die Grundrechte des Anderen verletzen, es geht vielmehr um unterschiedliche Meinungen und Ansichten, Lebensweisen, Prioritäten des Alltags. Es geht um das Hinüberblicken zum Anderen und das innerliche Kopfschütteln, nach dem Motto, „wie ist der denn drauf“.

In dem Moment bedenken wir nicht, dass der vermeintlich „Andere“ wir selbst sind, nur eben eine andere Ich-Form. Es ist vergleichbar mit den Wellen des Ozeans, der Andere ist nur eine andere Welle des gleichen Ozean, dem jeder und alles angehört.

Wenn ich also der anderen Welle nicht ihr Andersein verzeihen kann, so verzeihe ich in Wirklichkeit mir mein Andersein oder soll ich sagen Anderswerden nicht. Ich verzeihe mir meine Entwicklung nicht. Unbewusst möchte ich, dass alles so bleibt, wie es ist. Dann muss ich nicht aus meiner Komfortzone.

Trotzdem BIN ich auch ein menschliches Wesen, das sich ständig weiterentwickelt, verändert, anders wird, weil sich ständig alles verändert. Wir wissen ja, die einzige Konstante in unserer Welt ist das Prinzip der Veränderung an sich.

Wenn ich mich also meiner Veränderung in den Weg stelle, stelle ich mich grundsätzlich dem Leben in den Weg. Paradoxerweise bin ich aber durch das Leben bereits eine „Andere“ geworden und verändere, entwickle mich ständig weiter.

Dieser meiner und unser aller Weiterentwicklung darf ich begegnen mit einem offenen Geist. Der Impuls durch mein Gegenüber begründet meine Entwicklung.  Ich darf dem Anderen begegnen mit offener Meinung ohne Beurteilung und Verurteilung. Ich darf das Anderssein begrüßen und so mein Anderssein, mein Anderswerden offenen Herzens annehmen.

Annamaria Bauer

 

 

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